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Mein 1. Hermann - von Walter Trampe

Bis zum Schluss bin ich mir unsicher, ob ich diesen Lauf bewältige, nicht die 31,1 km lange Strecke flößt mir Respekt ein, sondern die 568 Höhenmeter bergauf und die 774 Höhenmeter bergab. Mein
1. Ziel: unverletzt vor dem Zielschluss ankommen
2. Ziel: unter 4 Stunden für den Hermannslauf
3. Ziel: ein durchschnittliches  p < 7:00 , d.h. Ankunft im Ziel nach 3:37:40

Den Hermannslauf kenne ich nur vom Hörensagen und alle schwärmten von der Strecke und wussten von den vielen Höhenmetern zwischen dem Hermannsdenkmal (Detmold) und der Sparrenburg (Bielefeld). Etliche Läufer vom Lauftreff des ATS Buntentor haben mir auch von ihrem Hermannslauf erzählt und mich in meiner Entscheidung am Hermannslauf teilzunehmen bestärkt.

Aber nun von Anfang an:
Am Samstag fahre ich nach Püsselbüren zu meinem Bruder Georg, der den Hermannslauf schon gefühlte 10 Mal gelaufen ist und mir jedes Mal begeistert davon berichtete. Nach der abendlichen „Pastaparty“ und dem Packen der Laufutensilien geht es früh ins Bett.
Sonntagmorgen (30.04.2023) starten wir nach einem Müslifrühstück um 8:00 Uhr und kommen gegen 9:00 in Bielefeld an, Parkhaus gesucht und gefunden, dann zum Shuttlebus, der uns zum Hermannsdenkmal bringen wird.
Gut dass ich meinen Bruder dabei habe, er hat aufgrund seiner zahlreichen Hermannsläufe die nötigen Orts- und Detailkenntnisse, ich brauche mir über die organisatorischen Abläufe keine Gedanken machen. Gedanken mache ich mir nur wegen der vielen Höhenmeter und der mangelnden Trainingsmöglichkeiten im flachen Bremen.

Die Nervosität und Stimmung in den Bussen ist ein erstes positives Erlebnis. Man kommt gleich ins Gespräch mit seinem Sitznachbarn und tauscht sich aus. Ich höre und staune und erhalte Tipps, wie: „die Lämmershagener Treppe rauf gehen und nicht rauflaufen“ oder „die Kopfsteinpflasterstrecke in Oerlinghausen ist leichter zu laufen, wenn man in der glatten Abflussrinne läuft“ und wie immer: „lass es langsam angehen.“

Damit die Teilnehmer nicht bereits in ihrer Laufkleidung in die Busse steigen und beim Start lange die kühle Morgenluft aushalten müssen, erhalten alle einen Kleiderbeutel (leider aus Plastik) mit Startnummernaufkleber, in den sie kurz vorm Start all das stopfen können, was sie beim Lauf zum Ziel Sparrenburg nicht brauchen. Die gefüllten Kleiderbeutel werden in bereitstehende LKWs geworfen und zum Zielbereich gebracht.

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Erst kurz vorm Hermannsdenkmal = Startpunkt ziehen wir uns um, noch ist es recht frisch….

Alles ist prima organisiert, es gibt genügend Platz, gut ausgeschildert, kein Warten an den LKWs für die Beutelabgabe, ausreichend viele Klohäuschen.
Vor dem Start bestaunen wir das 54 m hohe Hermannsdenkmal auf dem Teutberg, es ist eine Wucht und wurde zwischen 1838 und 1875 errichtet. Die Figur ist fast 27 m hoch (alleine das Schwert misst  sieben Meter) und soll 550 kg wiegen (wer das wohl mit was für einer Waage gewogen hat?).

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kurz vorm Start: links der erfahrene Hermannsläufer Georg, rechts: der Ersttäter Walter

Wir sind uns einig: gemeinsam starten, dann läuft jeder sein Tempo. Wir treffen uns nach dem Lauf bei der Kleiderbeutelrückgabe. Dann der Start: mit gefühlten 1000 anderen in Startblock E geht es los. Der Moderator erzählt so manches, mehr fürs Mikrofon, als für uns, naja....

Nach der Umkurvung des Hermanns führen die ersten drei km auf erst geschottertem, dann asphaltiertem relativ engem Weg kontinuierlich fast 200 Höhenmeter bergab, ich lasse meine Beine laufen; und weiß auch, dass es so nicht bleiben wird. Anfangs nur ganz gemächlich, weil kein Platz vor uns war, kommen wir voran. Mir ist das zu langsam: ich überhole rechts und links vom Weg, das war nicht nur unbequem wegen der Steine und der Flora, sondern der Boden ist sehr unregelmäßig, so dass ich auf dem 1. km mit dem rechten Fuß umknicke. Zum Glück nicht sehr, ich laufe ohne Schmerzen weiter.

In einer der ersten Kurven seht eine Blechbläserband und macht Mucke in Form von "Yellow Submarin". Die ersten km geht es bergab und daher auch zügig voran. Der Belag ist streckenweise glatt und gut, teilweise sehr steinig und uneben, aber was solls? Das einzige was hilft ist: weiterlaufen. Wir beide laufen ähnliche Geschwindigkeiten anfangs 5:45 bis 6:15, mal überhole ich Georg, mal er mich. Das geht so weiter bis wir uns bei Km 10 aus den Augen verlieren.
Die ersten Steigungen nehme ich noch mit dem Schwung vom bergablaufen, aber wie zu erwarten wird es immer anstrengender. Die erste Gehpause kommt früher als gedacht, aber dass alle (na ja: fast alle) anderen Läufer auch gehen, zeigt, dass die Topografie die Ursache ist und nicht meine mangelnde Kondition oder mein hohes Alter (auch Läufer:innen, die nur halb so alt aussehen wie ich, brauchen Gehpausen).

Die Strecke ist anfangs überfüllt, es scheinen zu viele Läufer unterwegs zu sein. Damit aber kein Missverständnis entsteht: Die anfänglichen Staus lösen sich bald auf und haben auch verhindert, dass ich zu schnell starte. Und: Die Route ist traumhaft schön, sehr abwechslungsreich, viele Zuschauer, die uns Läufer anspornen, das Wetter ist ideal, es gibt viele Möglichkeiten die Landschaft zu genießen (auch wenn viele abgestorbene Fichten nicht zu übersehen sind); zusammengefasst: einfach herrlich!

Nachdem ich den Großen Ehberg überschritten habe, werde ich (alle anderen auch) durch 80 Bergabmeter belohnt. Der ständige Wechsel zwischen Auf und Ab wird sich im weiteren Verlauf der Strecke bis zum Ende fortsetzen. Meine Trainingsmöglichkeiten für bergauf und bergab sind in Bremen sehr begrenzt, da die Deiche und Brücken nur geringe Höhenmeter aufweisen. Da haben die Läufer, die in hügeligen oder bergigen Landen wohnen einen deutlichen Trainingsvorteil. Den Truppenübungsplatz bei Augustdorf passieren wir über eine breite Panzerstraße. Hier ist auch schon die zweite Wasserstelle, ich trinke etwas Wasser und laufe weiter. Zum Essen habe ich keine Zeit und auch keinen Hunger. Die Zuschauer feuern uns an, wie auf der Tour-de-France, obwohl wir vergleichsweise langsam sind. Als Rheinländer bin ich positiv überrascht über die Lebendigkeit der Westfalen. Hier wird gejubelt und applaudiert, wie ich es nicht erwartet habe

Die km zwischen 9 und 14 verlaufen relativ undramatisch. Die folgenden 2 km fordern den schwierigen Anstieg zum Tönsberg. Vorher gibt’s aber bei km ca. 13,5 an der Stapelager Schlucht die nächste Herausforderung. Die Steigung laufe ich weniger, als ich gehe und kämpfe heftig mit den rund 100 Höhenmetern, insbesondere am Ende. Belohnt werden jedoch alle mit einem wunderbaren Fernblick vom Tönsberg.

Die Kilometrierung sagt mir, dass ich inzwischen die Hälfte geschafft und somit im wahrsten Sinne des Wortes Bergfest habe und liege mit deutlich unter 2 Std. gut in der Zeit, da kann ich nicht meckern. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass ich diese Geschwindigkeit nicht halten kann. Nach dem nächsten Bergauflauf, geht es jetzt wieder schnell nach unten. Unterwegs wird an jeder Verpflegungsstelle Flüssigkeit nachgetankt, ich weiß, dass ich immer zu wenig trinke und achte diesbezüglich mehr an mich. Nach erstaunlich kurzer Zeit sind wir schon in Oerlinghausen. Ich nutze den Tipp aus dem Shuttlebus: „laufe in Oerlinghausen in der Rinne“, das war deutlich angenehmer als über das streckenweise nicht vermeidbare Kopfsteinpflaster. Obwohl das Dorf klein ist, sind viele Zuschauer am Straßenrand und feiern uns Läufer:innen, Musik ohne Ende, Applaus noch und nöcher, was will man mehr? Da tritt das ansonsten unangenehme Kopfsteinpflaster sehr in den Hintergrund. Nach 18 km sind 2:06 Std. vergangen, jetzt weiß ich dass ich mein 3. Ziel nicht erreichen werde…

Die nun folgenden 6 km sehen im Profil relativ harmlos aus, aber die Höhenmeter (ca. 160) gehen mir zum jetzt schon fortgeschrittenen Rennverlauf gut ins Bein. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, wie steil es ist, sondern wie erschöpft man sich schon fühlt. Die 20 km-Marke passiere ich nach weniger als 2:25 Std. Bei km 22,5 kommen wie befürchtet die berühmt-berüchtigten Lämershagener Treppen. Fast 100 Treppenstufen schleppe ich mich hoch, die hatten es echt in sich. Nach dem „Eisernern Anton“  und weiterer Verpflegungsstelle geht es wellig, aber stetig abwärts. Ich bin froh, dass ich die Beine einfach laufen lassen kann, hier fällt mir mein Physiklehrer ein, der mir damals vor 50(?) Jahren die Begriffe „Hangabtriebskraft“ und „schiefe Ebene“ erklärt hat. Dann sind bei km 26 die nächsten Treppenstufen, die mich richtig ausbremsen, auf einmal habe ich einen Ohrwurm (woher auch immer):  „…und sehn wir uns nicht in dieser Welt - dann sehn wir uns in Bielefeld…“
Aber ich laufe oben angekommen weiter, da ich weiß, dass es jetzt fast nur noch runter geht

Den letzte km auf der Promenade zur Sparrenburg nutzte ich, um noch mal richtig in Schwung zu kommen. Ich aktiviere meine letzten Kraftreserven und kann dann noch etliche Läufer:innen überholen. Gut, dass ich trotz meiner völligen Verausgabung auf den letzten paar 100 Metern den tollen Empfang noch genießen kann. Ich gehöre heute zu den Glücklichen, meine Glückshormone scheinen mich zu überschwemmen.  

Ich laufe nach 3:51:05 Std. (p=7:25,82) über die Ziellinie und bin sehr zufrieden: 54. meiner Altersklasse (M65). Dass ich mein 3. Ziel nicht erreicht habe, ist völlig unwichtig geworden. Ich erhalte neben 3743 Männern und  1148 Frauen eine Medaille.

Nach und nach kommen alle ins Ziel. Alle, wirklich alle haben ein unbeschreibliches Lächeln im Gesicht, als wenn jede und jeder gewonnen hätte. So gut wie nach der Zielerreichung in Bielefeld, ist es mir nach einem Lauf noch nie gegangen. Einer meiner ersten Gedanken nach der Überschreitung der Ziellinie war: „das mache ich nächstes Jahr noch einmal.“

Ich hole mir jetzt reichlich zu trinken und viele zuckerhaltige Nahrung, nach der mein Körper jetzt lechzt.  Bald habe ich Georg gefunden, der ebenfalls zufrieden die Ziellinie überquert hat.

Wir finden unsere Kleiderbeutelrückgabestelle und bald auch  im Park der Sparrenburg einen schönen Platz auf dem Rasen. Mit Getränken und Butterbroten aus unserem Gepäck genießen wir unseren Erfolg, die Stimmung um uns herum und auch das Wetter, das wie für gemacht zu sein scheint.

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