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Europameisterschaften Extrem-Hindernislauf (OCR) in Polen (28.06.2019)

Tim Krüger macht sich Sorgen. Unruhig steht er am Freitag, den 28.06.2019, im Narodowy Stadion Rugby in Gdynia, Polen und bespricht sich mit zwei weiteren Teammitgliedern des Teams Crow-Mountain-Survival des ATS Buntentor Bremen. Sie befinden sich im Start- und Zielbereich der diesjährigen OCR-Europameisterschaft (Obstacle Course Racing) und blicken sich suchend um. Krüger, Jenny Vico und Steffen Süßenbach haben das Gelände bereits abgesucht.

Sie haben im Zelt der Rennleitung erfahren, dass ihr Teamkamerad Sebastian Baumann die Zeitnahme bei Kilometer 10 vor knapp 3 Stunden passiert hat, jedoch noch nicht im Ziel bei Kilometer 15 angekommen ist. Bei den Sanitätern werden sie (glücklicherweise) auch nicht fündig, es gab zwar einige leichte Verletzungen, Baumann war allerdings nicht unter den behandelten Athletinnen und Athleten.
Die Gruppe geht auseinander und macht sich getrennt erneut auf die Suche. Krüger geht das Ende der Laufstrecke noch einmal ab, den ankommenden Läuferinnen und Läufern entgegen. Suchend lässt er seine Gedanken schweifen.
Am Donnerstagmorgen hatte die lange Reise begonnen. Er hatte Baumann um 8.30 Uhr mit dem Auto abgeholt um gemeinsam Jenny Vico einzusammeln und die Fahrt über mehr als 850 km nach Gdynia anzutreten.
Die Qualifikation hatten die drei, ebenso wie Süßenbach, bei Läufen der Lake-Run-Serie erreicht. Da die Hindernisse bei den absolvierten Läufen zwar anspruchsvoll, aber weniger technisch sind, als die über 60 Hindernisse auf der 15-km-Strecke des Standard-Course der anstehenden EM, gehen sie während der Fahrt das Rulebook durch. In diesem Dokument sind alle zu überwindenden Hindernisse mit Bildern und Beschreibung aufgeführt und die Regeln zur korrekten Bewältigung erklärt. Es ist klar, dass die Anforderungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der OCR-EM im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht geringer geworden sind. Die Autobesatzung tauscht Tipps und Tricks aus und teilt Erfahrungen, um sich auf die Schwierigkeiten vorzubereiten.
Krüger schätzt seine Leistungsfähigkeit zurückhaltend ein und geht davon aus, dass er, wie bei der EM im vergangenen Jahr in Esbjerg, Dänemark, nicht alle Hindernisse schaffen wird. Auch Vico ist verhalten was die Aussicht angeht bei ihrer EM-Premiere alle Hindernisse bewältigen zu können.
Beide wollen das Event genießen, ihr bestes geben und damit ihr Armband so weit wie möglich tragen. Das Armband dürfen die Läuferinnen und Läufer so lange tragen wie sie die Hindernisse überwinden können. Nur wer sein Armband bis ins Ziel bringt, also alle Hindernisse überwunden hat, wird in die offizielle Wertung aufgenommen. Alle anderen dürfen zwar das Rennen beenden, werden aber mit dem Zusatz DNC (did not complete) am Ende der Rangliste aufgeführt.
Baumann ist zuversichtlicher als Krüger und Vico. Er versucht sich mit einer positiven Einstellung Mut zuzusprechen und optimistisch zu bleiben. Bei jeder neuen Seite, bei jedem weiteren Hindernis, hört man vom Beifahrersitz ein „easy“. Jedes einzelne Hindernis erscheint ihm machbar, alles immer wieder „easy“. Spätestens am Ende des Rulebook, bei Hindernis 67, muss jedoch auch Baumann eingestehen, dass sich die ganzen „easy“ mindestens zu einem Nicht-ganz-so-easy summieren. Unschaffbar? Zu der Aussage lässt Baumann sich nicht hinreißen.
Die Reisegruppe übersteht die 11-stündige Fahrt dank Vorfreude und positiver Spannung unbeschadet und bezieht ihr Hotel. Einige Stunden später stößt auch noch Süßenbach zu ihnen.
Der Freitagmorgen (vor wenigen Stunden erst, wird Krüger bewusst) ist geprägt von angenehmer Aufregung. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Die drei Männer tauschen sich aus. In welchem Trikot, mit wie viel Verpflegung, mit welchem Gefühl gehen sie jeweils auf die Strecke?
Letzte Rituale werden absolviert, bevor sich das Quartett auf den Weg zum Veranstaltungsgelände macht.
Am Pavillon der OCRA Germany (Obstacle Course Racing Association Germany) treffen die drei Bremer und der Hamburger Süßenbach bekannte Gesichter des Team Germany. Die Sportlerinnen und Sportler tauschen sich aus und spekulieren über den anstehenden Lauf. Einige haben bereits am Tag zuvor den Short-Course absolviert und auf der 4 km langen Strecke schon viele der anspruchsvollen Hindernisse kennengelernt. Sie können hilfreiche Tipps geben.
Kein anderes Nationalteam ist so ausgestattet wie das Team Germany. Der Pavillon der OCRA bietet eine Anlaufstelle für alle Athletinnen und Athleten, eine Möglichkeit Kontakte zu knüpfen, seine Tasche abzustellen und sogar die Dienste eines Physiotherapeuten in Anspruch zu nehmen.
Krüger muss als erster, in der Altersklasse M30-34, an den Start. Knapp 30 Minuten später geht Süßenbach auf die Strecke, nur drei Minuten später folgt Baumann in einer weiteren Welle der Altersklasse M 35-39. Vico muss jetzt noch fast zwei Stunden auf ihren Start für den Standard-Course in der Age-Group W 35-39 warten.
Krügers Lauf beginnt gut. Die ersten Hindernisse kann er leicht überwinden, doch nach einiger Zeit werden seine Befürchtungen vom Vortag wahr. Die Anforderungen der Hindernisse an die Griffkraft sind wie erwartet hoch und fordern ihren Tribut. An den Händen bilden sich Blasen, reißen auf und schmerzen bei jedem weiteren Griff.
Krüger entscheidet sich dafür sein Armband abzugeben und den Lauf entspannter fortzusetzen. Er versucht sich an den kommenden Hindernissen, kann aber fortan viel gelassener und ohne Druck die gestellten Aufgaben probieren und gegebenenfalls Hindernisse abbrechen oder auslassen.
Nach 2:52:17 Stunden erreicht er zufrieden das Ziel und nimmt seine verdiente Finisher-Medaille entgegen. Zu seiner Überraschung trifft er im Start-Ziel-Bereich schon auf Süßenbach. Er wartet auf seine Mitstreiter aus Bremen.
Süßenbach merkt schon kurz nach dem Start, dass heute kein guter Wettkampftag für ihn ist. Er bekommt nicht das richtige Gefühl für sein Tempo und den Lauf an sich und auch an den Hindernissen fühlt er sich nicht richtig wohl. Süßenbachs Laufstil zeichnet zwar ein gemäßigtes Tempo aus, aber er läuft beständig und ausdauernd. An den Hindernissen kann man eigentlich auf ihn zählen, bei der letzten EM trug er das Armband am Weitesten von allen vier Athleten des Teams Crow-Mountain-Survival. Erst wenige Hindernisse vor dem Ziel, bereits im Stadion, musste er sich den enormen Anforderungen geschlagen geben und sein Band abgeben.
In diesem Jahr läuft aber alles anders. Ein Fehlversuch an Hindernis 14, bei dem er die Glocke am Ende des Hindernis nur um wenige Zentimeter verfehlt, zwingt ihn zu einem erneuten Versuch. Wertvolle Kraft und Zeit geht beim Hangeln an Ankern und Klettern an Seilen verloren. Süßenbach gibt nach weiteren Versuchen unzufrieden sein Armband ab und setzt seinen Lauf fort. Er findet jedoch leider auch weiterhin nicht in seinen Rhythmus und bricht sein Rennen ab. Enttäuscht und im Bewusstsein, dass heute einfach der Wurm drin war, kehrt er ins Stadion zurück. Die Belastungen der letzten Wochen, bei einigen Läufen mit weiter Anreise, müssen heute bezahlt werden.
Süßenbach sieht aber auch die positiven Seiten. Er spart heute Kraft, die er am kommenden Wochenende beim Trifecta des Spartan-Race in Morzine, Frankreich gut gebrauchen kann. Süßenbach wird dort nicht nur die drei Distanzen des Trifecta-Laufs absolvieren (7+15+25 km), sondern zuvor noch einen Lauf über eine Ultra-Distanz von über 50 km bewältigen.
Krüger und Süßenbach erwarten gemeinsam die Ankunft von Baumann und Vico.
Baumann hatte Süßenbach ungefähr bei Kilometer 3, am besagten Hindernis 14, überholt. Sein Zieleinlauf dürfte nicht mehr lange dauern.
Als nächste erreicht jedoch Jenny Vico die Ziellinie. Die für ihre starken Laufleistungen bekannte Vico bewältigt die Strecke in 2:27:32 Stunden. Auch sie hat, wie schon vor ihr Krüger und Süßenbach, ihr Armband am „North Pole“ abgegeben. Von der Aufgabe befreit die Anforderungen jedes Hindernis erfüllen zu müssen, kann sie ihre Fähigkeiten auf der Laufstrecke voll ausspielen. Sie verfährt wie Krüger und probiert sich an den Hindernissen, schätzt aber auch ihre Grenzen korrekt ein und vermeidet die Gefahr einer Verletzung indem sie Hindernisse auslässt oder abbricht. Zufrieden nimmt sie ihre Medaille entgegen.
Auf der Strecke hätte sie eigentlich Baumann überholen müssen, wahrgenommen hat sie ihn jedoch nicht.
So beginnt nach einer kurzen Phase der Freude über die bewältigten Herausforderungen die Suche nach dem fehlenden Teammitglied.
Krüger passiert auf der Suche nach Baumann gerade das Hindernis „Commando Wall“, eine ca. 4 Meter hohe Wand, die mit Hilfe eines Taus erklommen und überquert werden muss, als ihm der Gesuchte entgegen kommt. Er sieht abgekämpft aus, an seinem rechten Ellenbogen ist eine ca. 5 cm lange Wunde bereits getrocknet, seine Hände sind auf, aber er trägt noch sein rotes Band am Handgelenk.
Erleichtert gibt Krüger die gute Nachricht per Telefon an Süßenbach und Vico weiter. Es dauert nicht lange, dann stehen sie mit Wasser und weiterer Nahrung neben Krüger. Baumann nimmt die Verpflegung gierig und dankbar an. Er hatte sich mit Gel-Packs für gewöhnliche 15 km auf den Weg gemacht, nicht für eine Belastung von bisher knapp 5 Stunden. So viel Zeit ist seit seinem Start bereits vergangen. Er ist in gemäßigtem, den Steigungen angemessenem Tempo gelaufen, hat Hindernis um Hindernis überwunden und manchmal, nach einem Fehlversuch, lieber eine Pause am Hindernis eingelegt, als es voreilig zu wiederholen. Heute gilt für ihn nicht die gelaufene Zeit, einziges Ziel ist es, das Armband ins Ziel zu tragen. Baumann bewältigt anspruchsvolle Hindernisse beim ersten Versuch, er schwingt und hangelt, er klettert, springt und kriecht und je mehr Herausforderungen hinter ihm liegen, desto größer wird die Hoffnung und der Glaube, dass er heute die Ziellinie mit seinem Armband erreichen kann. Auf der Strecke sprechen ihm viele Mitglieder des Team Germany Mut zu. Sie treiben ihn an und nicht nur einmal hört er den Satz: „Nachdem du das alles bis hierher geschafft hast, ist das hier doch nicht das Hindernis an dem du dein Band abgibst!“
Nur noch wenige Hindernisse trennen Baumann von seinem großen Traum, doch die letzten Meter haben es in sich. Ein auf Schienen gelagertes Rad muss hängend über eine Distanz von drei Metern vorwärtsgekurbelt werden, bevor zwei Flying Monkeys (Sprünge von Reckstange zu Reckstange über eine Distanz von 1,50 m bei einem Höhenunterschied von 26 cm) absolviert werden müssen. Selbst einfaches schwingen an Griffen oder das Erklimmen der Quarterpipe birgt die Gefahr von Krämpfen in Händen, Unterarmen oder Waden und schmerzt in den Handflächen.
Obwohl die Betreuung durch das Team Crow-Mountain-Survival neue Kraft bringt und freisetzt und Vico durch ein eingestreutes „Easy“ Baumann immer wieder ein Schmunzeln entlocken kann, sind die Anforderungen schwer zu schaffen. Die Cut-off-Zeit von 5:30 Stunden hat Baumann bereits überschritten.
Baumann überwindet die letzten Hindernisse. Jetzt steht er am letzten Hindernis, dahinter sind es nur noch 25 Meter bis ins Ziel. Am Pegboard, einer 3 m langen Stange mit Löchern, muss Baumann die Distanz überwinden, indem er zwei Stäbe in die Löcher steckt und sich auf diese Weise vorwärts hangelt.
Doch an diesem Tag soll es Baumann nicht mehr gelingen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, 7,5 Stunden sind inzwischen seit seinem Start vergangen, wird er zu einem letzten Versuch aufgefordert. Die Strecke wird geschlossen. Falls er noch eine Medaille erhalten möchte, muss er jetzt die Ziellinie überqueren. Der Versuch scheitert, Baumann lässt sein Armband durchtrennen und schleicht nach 7:34:40 Stunden enttäuscht ins Ziel.
Es wird einige Zeit dauern bis er die positiven Seiten seiner Leistungen erkennen kann und stolz auf das Erreichte sein wird, wie Krüger, Süßenbach und Vico es ihm wiederholt erklären.
Am Abend bei Pizza und Bier ist die Laune trotz müder Muskeln und Knochen gut. Die vier besprechen den vergangenen Lauf. Baumanns Leistung hätte, mit einem Hindernis mehr, Platz 563. von 1274 Starterinnen und Startern bedeutet, Platz 63 von über 160 Teilnehmern in seiner Altersklasse. Aber „wäre, wäre, Fahrradkette“, es stehen in der Gesamtwertung nur noch sechs Personen hinter Baumann auf der Ergebnisliste, in der Altersklasse niemand.
Aber nicht nur die gezeigten Leistungen sind ein Thema Die Organisation und der Ablauf waren einer EM vollkommen würdig, befinden die vier. Auch andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit denen sie gesprochen haben, sind ihrer Meinung. Mit der Sicherheit an einigen Hindernissen und den allgemeinen Anforderungen sind viele aber nicht zufrieden. Es bestand vermeidbare Verletzungsgefahr an verschiedenen Hindernissen und die Menge und Schwere der Hindernisse stellt für viele eine Überfrachtung dar. Bei mehr als 60 Hindernissen auf einer Distanz von knapp 15 km befinden sich rein rechnerisch auf jedem Kilometer 4 Hindernisse. Von einem Lauf ist auf einem Großteil der Strecke quasi nicht mehr zu sprechen. Viele wünschen sich auch eine Anpassung und Variierung der Anforderungen an den Hindernissen.
Für die Reisegruppe des ATS Buntentor steht dennoch fest, dass sie im kommenden Jahr, dann in Italien, wieder an den Start gehen wollen. Auch die lange Rückreise oder die Aussicht auf die Fahrt nach Italien kann die Athletinnen und Athleten des ATS Buntentor nicht abschrecken. Da macht Krüger sich keine Sorgen.

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Sporthaus Kornstraße 157
Neustadt - 28201 Bremen

Vereinsheim und Sportplatz
Weg zum Krähenberg 1 - 28201 Bremen

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